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Nonkonformität und Gesellschaft

Ich stolperte vor kurzem über folgendes Filmzitat:
“Our deepest fear is not that we are inadequate. Our deepest fear is that we are
powerful beyond measure. It is our light, not our darkness, that most
frightens us. Your playing small does not serve the world. There is
nothing enlightened about shrinking so that other people won’t feel
insecure around you. We are all meant to shine as children do. It’s
not just in some of us; it is in everyone. And as we let our own
lights shine, we unconsciously give other people permission to do the
same. As we are liberated from our own fear, our presence
automatically liberates others. ”

Wir sind alle einzigartig, in dem was wir tun, sagen und denken. Jeder einzelne hat bestimmte Ideen, wie sein Leben, “die Gesellschaft”, das soziale Miteinander funktionieren soll. Allerdings sind wir alle mit determinierten Wahrnehmungs- und Denkmustern aufgewachsen. Wir sind von klein auf gewöhnt, Dinge, Menschen, Verhaltensweisen bestimmten Kategorien zuzuordnen. Wir ordnen alles was in unserer
Wahrnehmung auftaucht in bestimmte Schubladen ein. Das funktioniert vielleicht mit Akten, sicher aber nicht mit Menschen oder Meinungen. Das Problem dabei ist, daß jede Situation und jeder Mensch einzigartig ist und dies eine Kategorisierung quasi unmöglich macht.

Wir sind eine Partei, die unterschiedlichste Menschen zusammenbringt. Genau das ist es, was für mich diese Partei so interessant macht. Wir schmoren nicht im eigenen Saft, sondern verbinden verschiedenste Ideen. Und wir widersprechen uns, wenn wir anderer Meinung sind.
Aber auch bei uns als Partei schleichen sich deterministische Denkmuster ein, und auf einmal sind wir dabei unterschiedlichsten Teilnehmern einer Gruppe die gleichen Merkmale zuzuordnen. Wer sich selbst als Pirat sieht, geht schnell davon aus, daß jeder Pirat mit seiner Meinung konform gehen muß. Dies ist aber nicht der Fall. Und wenn es nach mir geht, soll es das auch nie sein.

Ich springe nun mal kurz zu den aktuellen und weniger aktuellen Ereignissen, die ein Auslöser für diesen Text sind. Wir hatten am Wochenende Parteitag und haben verschiedene Dinge beschlossen. Einer dieser Beschlüsse betraf das bedingungslose Grundeinkommen, ein kontroverses Thema innerhalb der Partei. Faszinierend war für mich der Umgang der vermeintlichen Gegner und Befürworter. Es gab bei diesem Beschluß Piraten, die sich für ein BGE einsetzen und trotzdem gegen den Antrag gestimmt haben, weil sie ihn in dieser Form und zu diesem Zeitpunkt ablehnen. Es gab Kritik, weil sich “die Bayern” (seht ihr, schon wieder so eine Kategorisierung) T-Shirts mit dem Aufdruck “Blauäugig Gutgläubig Einfältig” gemacht haben. Es gab Kritik an dieser Kritik, weil die T-Shirts ja eine Form von Meinungsäußerung darstellen. Abgesehen davon, daß die Kritik an den Shirts auch einen Form der Meinungsäußerung darstellt, zeigte die ganze Situation für mich vor allem den Zwiespalt zwischen determinierten Denkmustern und der realen Situation. Es wurde erwartet, daß nach einem Mehrheitsbeschluß die Diskussion zu dem Thema erledigt ist, obwohl sie nach einem solchen Beschluß erst anfängt, wenn sie vorher nicht geführt wurde. Es gibt also in der Partei Menschen die ein BGE für sinnvoll halten und andere die diese Idee völlig absurd finden. Nur wenn diese beiden Gruppen miteinander sprechen erreichen wir eine sinnvolle Debatte zu diesem Thema.
Auch in der parlamentarischen Berichterstattung war großes Verwundern, als sich die 15 Piraten im Abgeordnetenhaus bei Abstimmungen unterschiedlich verhielten und wir konterten selbstbewußt mit dem Verweis auf freie Meinungsäußerung in unserer Partei, in unserer Fraktion. Wo war dieses Selbstbewußtsein als es um das BGE ging?

Nächstes Thema: Genderdebatte.
Wir sind der Meinung postgender zu sein, weil wir unisex-Schilder an unsere Toiletten kleben und bei uns jeder unabhängig vom Geschlecht mitmachen kann. (Was übrigens sogar bei der CSU so ist…) Wieso sind wir dann soviel mehr Männer als Frauen oder Transgender?
Wie fühlen sich Frauen, die an einen reinen Männerstammtisch kommen?
Auch auf diesem Parteitag gab es Piraten, die sich zum Sexismus bekannt haben in dem sie Frauen technisches Wissen oder die Fähigkeit zum Kartenlesen abgesprochen haben. Und wenn sich Piraten offen mit dem Thema Sexismus befassen, ernten sie neben viel Zuspruch auch aus der Partei herbe Kritik. Es wird sich zeigen, ob wir in Sachen Gender wirklich bereit sind, uns der Diskussion zu stellen und etwas zu ändern.

Und wie ist es zum Beispiel mit Menschen, die sich noch nicht in die ganze Struktur von wiki, ML, twitter, pad und Co. eingearbeitet haben? Die vielleicht nicht ganz so internetsüchtig sind wie die meisten von uns? Für die ist es ziemlich schwierig an unserer Arbeit teilzunehmen. Und anstatt Alternativen aufzuzeigen raten wir erstmal dazu sich nen Twitter-Account zuzulegen.

Wir wollen nicht wie die etablierten Parteien werden, aber wir etablieren uns schon. In unseren Köpfen. Können andere in einer Atmosphäre in der sich gefühlt alle kennen und ein Pirateninsidersprech vorherrscht überhaupt mitmachen?

Die Vision, die wir haben ist die Umgestaltung der Gesellschaft in der wirklich jeder an der politischen Entscheidung beteiligt wird. Wenn wir es aber selbst nicht schaffen, Menschen, die anders, als wir selbst sind, in unserer Mitte zu akzeptieren wird das nicht funktionieren. Wir arbeiten an einer Utopie. Ein erster Schritt dahin wäre, die Denkmuster, die in die Bewertung unserer Mitmenschen einfließen, zu hinterfragen.

Wir sind keine zu Tode PR-beratenen Berufspolitiker, wir sind wir. Wir twittern Unsinn oder schreiben, was uns grade beschäftigt ohne darüber nachzudenken, ob das uns irgendwie angreifbar macht. Wir verstellen uns nicht für die Medien oder die Erwartungshaltung anderer.  Und es kommen neue Leute hinzu, an die wir nicht die Erwartungshaltung von unserem Verständnis der Piratenpartei anlegen sollten. Sie haben neue Ideen, die wir in unserer Betriebsblindheit gar nicht sehen. Wir brauchen diese Ideen!

Dies ist eine erste kurze Ideensammlung zu dem Thema. Ich werde wohl demnächst mehr dazu schreiben.

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Ursprünglich am 09. Dezember 2011 03:54 auf http://fast277.wordpress.com/2011/12/09/nonkonformitat-und-gesellschaft/ veröffentlicht

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