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Antiemetikum

Ich sitze hier und kotze. Primär wohl, wegen des Essens von gestern Nacht. Aber auch weil ich gesiezt wurde. Im Netz. Auf twitter. Und bevor ihr fragt, nein nicht vom @diktator

 

Doch fangen wir mal, von vorn an. Es begann mit dem lustigen Blogpost “Liebe Piraten: Fickt euch. Aber nicht mich.”  Dort wird eine Art Antwort auf die 101 Piraten für ein neues Urheberrecht gegeben. Der Autor beschreibt die Häufigkeit seiner Auftritte, daß er was für das öffentlich-rechtliche gemacht hat, davon auch einen wichtigen Teil des Lebensunterhalts bestritt, aber teilweise auch auf staatliche Leistungen angewiesen war, weil als Freischaffender auch mal weniger verdient. Der Versuch mit flattr etwas einzunehmen, hat bei ihm bis dato nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Trotzdem macht er immer die lustigen “Norbert erklärt die Welt”-Clips bei RadioEins und dafür könnt ihr ihn auch mal flattrn. Einfach, um ihm zu zeigen, daß das eine Option sein kann. Der einzige Mensch, den ich kenne, der von flattr leben kann, ist Tim Pritlove. Aber der zählt wohl nicht, da er ja podcasts macht und wir als Piraten ja nur Musiker und Softwareentwickler als Urheber sehen.

Dann kommt lustigerweise die Erkenntnis des Autors, daß er sich mehr Musik kaufte, als er häufig Musik aus dem Netz runterlud. Er hält das aber für die Ausnahme, daher braucht man sich mit diesem Fakt nicht zu beschäftigen.

Es folgt eine Anekdote, die mich schließlich zu meinem tweet von oben brachte. Der Autor schildert, daß er früher bei Lesungen auf die Kasse des Vertrauens setzte. Das funktionierte seiner Meinung nach schlechter, als einen bestimmten Obulus als Eintritt zu nehmen. Seine Schlußfolgerung daraus ist, daß Menschen weniger geben, als ihnen etwas wert ist, wenn die Abgabe freiwillig ist. Würde diese These stimmen, hätte man als Straßenmusiker schlechte Karten. Denn in der S-Bahn ist niemand gezwungen, dem Ringbahnorchester etwas zu geben.

Als nächstes kommt dann der Wirtshausvergleich. “Stell dir vor, du gehst ins Restaurant und zahlst anschließend einen von dir selbst gewählten Betrag, aber nur, wenn du beschließt, dass das Essen dir auch wirklich etwas wert war und wenn der Wirt noch keinen Zechpreller angezeigt hat.” Ja, stelle ich mir vor. Kenn ich. Funktioniert scheinbar bestens. Denn genau das ist das Konzept der Weinerei. Da ich ja auf twitter immer für einen schlechten Wortwitz zu haben bin, schrieb ich: “Urheber so: Nur zahlen, was es einem Wert ist, funktioniert nicht. $Wirtshausvergleich Ich so: Weinerei” Im Fall der Weinerei, muß dazu gesagt werden, daß die eine Mindestspendenhöhe von zwei Euro empfehlen. Aber der Laden läuft so seit Jahren.

Soweit die Vorgeschichte. Dann kam das mit dem Siezen. Ich kann ja siezen auf den Tod nicht leiden, da es auf einem Verständnis der Ungleichheit der Menschen beruht. Es ist höflich zu Siezen, aber da ich nicht bei Hofe bin, möchte ich auch nicht gern gesiezt werden. Auf jeden Fall wurde mein “$Urheber so: foo Ich so:bar”-tweet mit einem blogpost bedacht. Großes Kino. Dort bin ich der Parteisoldat. Und das mit dem Wirtshaus sei ganz simpel, so erklärt man mir. In dem Wirtshaus kostet ein Bier und ein Hering halt Geld und mit Musik ist das halt auch so. Das für den spiralteppich, bzw. den Autoren maukenking automatisch Musik als Beispiel genommen wird, zeigt, daß Urheber auch in anderen Teilen der Bevölkerung hauptsächlich, als Musiker gesehen werden. Und da mich der Autor persönlich sehr gut aufgrund der 140 Zeichen kennt, hat er auch gleich herausgefunden, warum ich die Urheber bashen muß. Ich kann quasi nicht anders. Fast schon pathologisch. Es ist natürlich die Intellektuellenfeindlichkeit. Dann folgt der Postvergleich. Wenn man einen Brief abschickt muß der frankiert werden. Meine Überraschung war groß, davon hatte ich noch nie gehört.  Und wenn man den abschickt dann verdient der Zumwinkel daran. Intellektuelle von Format, möchte man ausrufen, danke für diese Glanzleistung geistiger Höhenflüge.

Und jetzt icke. Ich denke, daß es notwendig ist, einen unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu haben, ebenso wie einen Journalismus, der es sich leisten kann zu recherchieren. Gute Beispiele, daß das funktioniert gibt es in Großbritannien. Ein kurzer Vergleich von BBC-Produktionen mit dem seichten Dokutainment auf 3sat, zeigen einen deutlichen Unterschied. Da ich in letzter Zeit des öfteren genötigt wurde, mir die Qualitätstalks des deutschen Fernsehens anzusehen und leider meine Erinnerungen an die NDR-Talkshow in den 90ern noch zu lebendig sind, fühle ich mich schlichtweg verarscht. Nein ich möchte diese mangelhaft produzierten Lebenszeitfresser nicht finanziell unterstützen. Ich zahle GEZ für Radio, weil dadurch auch Sender, wie der Deutschlandfunk und RadioEins ihr Programm finanzieren. Gleiches gilt für unabhängige Medien. Eine Nachrichtenredaktion braucht Korrespondenten, die vor Ort an verschiedenen Teilen der Welt sind. Sie braucht auch Journalisten, die mehrere Monate an einer Story recherchieren. Das kostet Geld und das muß irgendwie reinkommen. Aktuell sind die Einnahmen im online-Journalismus wohl werbefinanziert, weshalb ein Artikel über drei bis sieben Seiten geht. Teilweise hat man aber das Gefühl, das Hauptrechercheinstrument google, wird vielfach nur bedingt beherrscht, eine Schlußredaktion ist nur die Ausnahme, von Rechtschreibprüfung will ich nicht anfangen. Leider ist das zwar gelegentlich der Fall, aber die Pauschalverurteilung vieler Piraten, gegenüber der “Systempresse” ist ungefähr so platt, wie die Pauschalverurteilung der Piraten in den Texten einiger Urheberrechtsdialoge.

Leider höre ich wenig von den Urhebern, wie sie zu buy-out-Verträgen, Rechteabtretungen und Alleinvermarktungsrecht großer Konzerne stehen. Ich vermisse alternative Konzepte, wie man der “kriminellen Downloadindustrie” begegnen und ihr das Wasser abgraben kann, um die Millionen, die dort angeblich verdient werden, selbst zu bekommen. Viele Menschen sind bereit, etwas zu zahlen. Wenn sie eine entsprechende Gegenleistung sehen. Das funktioniert seit dem Verkauf von Ablaßbriefen. Der Gegenwert muß nicht zwingend materieller Art sein. Gute Beispiele, wie so etwas funktionieren kann sind beispielsweise die Finanzierung von Iron Sky. Ein Beispiel für eine mögliche Vermarktung wäre Big Buck Bunny, ein animierter Kurzfilm, den man als Video auf vimeo sehen, in verschiedenen Qualitäten oder als .iso runterladen und die DVD selbst brennen kann. Ich habe dort aber auch die Möglichkeit die DVD zu kaufen. Warum sollte so was nicht auch mit Hollywoodblockbustern oder kleinen unabhängigen Produktionen funktionieren?

Kommen wir mal zu den ganzen Milchmädchenrechnungen, Vergleichen und anderen Dingen.

Numero uno: Der Kinovergleich

Wenn ich ins Kino gehe, zahle ich für einmal sehen einen Betrag. Gleiches gilt für eine Theateraufführung oder eine Oper. Das sind aber Dinge, die ich nicht mit einer DVD, einer Schallplatte oder ähnlichem vergleichen kann. Sie sind so wenig vergleichbar, wie Wirtshaus und Buch. Im Wirtshaus werde ich ausgelacht, wenn ich, nachdem ich aufgegessen habe, einen zweiten Teller verlangen würde, mit der Begründung ich hätte ja $Essen bezahlt. Genauso würde ich das gekaufte Buch auslachen, wenn ich jedesmal Geld zahlen müßte, um es ein zweites Mal zu lesen. Video killed the radio star.

Numero dos: Der Postvergleich

Ja, einen Brief zu schicken kostet Geld. Die wahnwitzige Idee, daß der Versand einer Mail kostenfrei wäre, ist einer der logischen Brüche, die man sonst immer der Netzgemeinde zu schreibt. Weil euch der Versand einer Mail nichts kostet, muß er also umsonst sein. Die Server über die die Mail geschickt wird, laufen selbstverständlich ohne Strom in von google gekauften Hallen in Nordostsibirien. Komischerweise finanzieren sich diese Postalternativen ohne, daß man ne Briefmarke für die Mail kauft und ich frage mich, warum solche Finanzierungen nicht auch für andere Dinge (Filme, Qualitätsjournalismus, Musik, …) funktionieren sollen? Der Erfolg von apple und itunes zeigt, daß Menschen bereit sind für content zu zahlen, wenn es für sie einfach möglich ist. Dummerweise landet hier wahrscheinlich das Geld zu großen Teilen bei apple und nicht bei den Urhebern.

Ich arbeite selbst in einer Videothek, da ich nach jahrelanger Fernsehsucht, die abnehmende TV-Qualität nicht mehr ansehen wollte und bestreite meinen Lebensunterhalt mit dem Verleih sogenannter obsoleter Medien (jahrelang für einen Stundenlohn von unter fünf Euro). Ich lebe in Prenzlauer Berg, wo viele Menschen irgendwas mit Medien machen. Fast alle von denen haben Internetanschlüsse und sind sich der Existenz der verschiedenen online-Videotheken bewußt. Daher muß man andere Wege finden, um die Menschen davon zu überzeugen, ein Museum obsoleter Medien zu betreten. Ich persönlich mag Filme, schaue sie aber gern im Original. Eine Plattform, wie kino.to oder andere haben mich bis jetzt nicht überzeugen können. Ich will keine Pop-ups wegklicken, irgendwelche freeware-player kaufen und dann im Kino mit AutoFocus abgefilmte Blockbuster zu sehen. Ich möchte Filme und auch deleted scenes sehen. Auch der Versand von geliehenen DVDs per Post, ist für mich grober Unsinn. Ich möchte einen englischsprachigen Film mit englischen Untertiteln sehen. Seit neuestem gibt es das leider bei vielen DVDs nicht mehr. Daher bin ich auf Importversionen angewiesen, die ich in vielen Videotheken und online-Portalen nicht bekomme. Und ich gehe auch ins Kino. Iron Sky werde ich mir mindestens noch einmal im Kino ansehen. Doch auch da kaufe nur ungern die Katze im Sack. Durch meine Arbeit, weiß ich, daß auch in Hollywood reichlich unfähige Urheber in Lohn und Brot sind und ich sehe mir manches gern auf DVD an. Ich sehe nicht ein, für einen Film, wie sagen wir mal Sterben für Anfänger oder Green Lantern, sieben Euro an der Kinokasse zu bezahlen.

Und ich liebe Serien. Wenn sie gut gemacht sind. In Amerika hat man verstanden, daß dafür gute Autoren eine gewisse Zeit arbeiten müssen und es teilweise ein Jahr dauert, bis die Rohfassung eines Skripts fertig ist. Und der Streik der Autoren hat vor einiger Zeit deutlich gemacht, daß es die Möglichkeit gibt, ordentlich bezahlte Autoren eine geile Serie entwickeln zu lassen, wenn man es denn will.

Die Frage, die sich mit der veränderten Situation durch das Netz stellt, ist doch was man wie vermarkten will. Ich wäre gern bereit für apps Geld zu zahlen, aber mein android will dafür ne Kreditkarte. Sorry folks, ich hol mir deswegen keine AmEx. Buch das von meinem Guthaben ab, fertig. Die Frage ist, welche Güter Allgemeingut sind und welche nicht. Und wie man die letzteren einfach zu den Menschen bringt, ihnen die Möglichkeit gibt, etwas dafür zu geben (ob das nun ein Festpreis oder ein selbst festgelegter Betrag ist). Und man muß auch sehen, daß es im Netz viele Menschen gibt, die ihre Werke, kostenlos zur Verfügung stellen. Ein Beispiel sind die ganzen Hitlerfindsout-Videos auf youtube. Es kostet doch schon ein paar Stunden, die Untertitel zu entwickeln, sie auf das Video passend zu machen, etc. Das ist in etwa so wie street art, bei der man während der Erschaffung des Werks nicht erwartet, dafür Geld zu bekommen. Eher erwartet einen ein Prozess wegen § 303 StGB. Und dennoch ist auch das eine Form der Erschaffung kultureller Werte, die von vielen nicht mal annähernd als schützenswertes Werk mit Schöpfungshöhe gesehen wird, außer man ist banksy. Die Hitlerfindsout-videos basieren auf Szenen des Films der Untergang und werden daher in steter Regelmäßigkeit von youtube entfernt. Weil man die Rechte der Filmvermarkter nicht achte. Dabei wird die Arbeit der Menschen, die diese Parodien erstellen, komplett ignoriert. Vielleicht mahnt demnächst Butter Lindner den Beuys ab?

Numero tres: It’s twitter stoopid!

Mein Lieblingssatz der letzten Wochen ist: Ich bin auch Urheber. Meist sind es in meinem Fall Kommentare zu dämlichen Äußerungen meiner Parteikollegen, was ja zum Glück nur fünfmal täglich passiert. Oder unsinnige Wortspiele. Wie halt “Weinerei!” Oder sowas wie “Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen erkennen, wie krass Fernsehen verblödet. Und wo Einhörner leben. Bunte Einhörner, bitte.” Das ist für mich twitter. Der Unsinn der dort täglich drüber läuft, trägt zu einem Großteil zu meiner Belustigung bei. Ich mag diese ganzen Verrückten in meiner Timeline. Allerdings ist es für mich meist satirischer Kommentar zu aktuellen Dingen. Es ist so wie fefe lesen. Es unterhält ausgezeichnet, aber es ist nicht immer ganz ernst gemeint. Und Sarkasmus wird nicht gesondert ausgewiesen. Wenn euch das zu kompliziert, zu viel, zu albern, zu wenig intellektuell ist, lest es nicht. Oder regt euch nicht darüber auf, wenn ihr es gelesen habt. Oder schaut euch Sturm der Liebe komplett an und schreibt der ARD böse Briefe. Und kommt mir bitte nicht mit Intellektuellenfeindlichkeit, wenn ihr nicht in der Lage seid Urheberrecht oder Matratze zu schreiben, oder zu faul dazu euren Text vor dem publizieren nochmal zu lesen.

 

 

One comment on “Antiemetikum

  1. […] Weinerei der Piraten, dass niemand sich das angebliche Parteiprogramm durchlese, ist nicht mehr […]

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